Mittwoch, 19. September 2012

Vor Gericht oder vor dem Untergang

Bald ist der letzte Schritt  getan,
die Richter ziehen Roben an,
verhandelt wird die Republik.
Die Börsianer zittern schon,
erwarten den verdienten Lohn
und machen sich zum Jubeln schick.

In Stille schreitet der Senat
zum Sitzungssaal, mit dem Traktat,
das jede Weitsicht untergräbt.  
Die Herrscher lächeln gönnerhaft,
jetzt ist der nächste Schritt geschafft,
eh sich das Volk empört erhebt.

Im Parlament beklatschen sie
den Sieg der Geldpiraterie -
ein Stand beerdigt seine Macht.
Die letzte Stimme ist gezählt,
der neue Weg scheint ausgewählt,
Europa gleitet in die Nacht.

Am Horizont zieh‘n Wolken auf,
des Volkes Stimme ist verkauft,
nun herrscht allein die Kommission
Ein Richterwort hat dies vollbracht,
noch eh' der Volkszorn jäh erwacht,
erlangt der Teufel seinen Lohn.

Freitag, 14. September 2012

Spiele mit dem Zauberwort

Im Geschwätz von hohen Tieren 
dominiert ein  Zauberwort.
Der Begriff erweckt Begierden
und er spült Bedenken fort.

„Freiheit, Freiheit über alles,
über alles in der Welt.“
Auch wenn sie im Zweifelsfalle
nur dem Raubtier gut gefällt.

Ohne Regeln, ohne Grenzen,
lebt es sich ganz frei von Scham.
Gottgleich mag der Bonze glänzen,
seine Schäflein lächeln zahm. 

Er verspricht ein freies Leben,
was das heißt, bleibt kleingedruckt.
Freiheit fordert freies Geben
und das sich der Sklave duckt. 

Am Altar sakraler Märkte
opfern Priester unser Geld.
Demokratisch Auserwählte
wissen: nur der Mammon zählt.

Unterdrückte jubeln eifrig,
während man sie demontiert.
Freiheit bleibt dem Sklaven heilig,
wenn er sich als Herr geriert.

Starke dürfen Schwache beugen,
Schwache sterben im Abseits.
Frei Versklavte leiden schweigend,
bis der Zauberfaden reißt.


Dienstag, 11. September 2012

Der Gute schenkt sein letztes Hemd

Im Alter sollst du lautlos leiden,
der Gute schenkt sein letztes Hemd.
Die Armut lässt sich nicht vermeiden,
sie liegt nun mal sozial im Trend.

Du könntest uns manch Last ersparen,
indem du dir dein Leben nimmst.
Der Demograf erkennt Gefahren,
wenn du nicht quer zum Jordan schwimmst.

Vielleicht bedarf es einer Regel
im Hinblick auf die Lebenszeit.
Sonst wächst der Alte-Leute-Pegel
und schmälert unsre Sicherheit.

Nicht alles darf so üppig wachsen
wie Reichtum, Macht und Ruhm und Geld.
Drum schweige und mach keine Faxen,
wenn dir dein Ende nicht gefällt.

Noch darfst du unsre Welt genießen,
noch mehrst du manchen Kontostand.
Hernach darfst du dich gern erschießen,
dann zeigt sich all dein Weltverstand.

Erkennst du schon die neuen Helden?
Sie schreiben sich ihr Leben schön.
Wer sie nicht ehrt, hat nichts zu melden,
man kann sie nie genug erhöh‘n.

Sie weiden sich an deiner Leistung,
sie rauben deine Energie.
Gegönnt sei ihnen die Entgleisung,
ihr Glanz strahlt dennoch rein wie nie.

Montag, 10. September 2012

Von Krieg zu Krieg

Fünf Völker, die sich oft bekriegten,
besannen sich auf die Vernunft.
Verlierer baten die Besiegten
aus Reue zur Zusammenkunft.
         Im wachsenden
         Gesinnungswandel,
         gedieh der Fortschritt,
         wuchs der Handel -
      der Stern der Zukunft strahlte hell.

Gewinner mit ergrauten Schläfen
erhofften sich vom Pathos Macht.
Sie schröpften ihre braven Schäfchen
vom Morgen an, bis in die Nacht.
                Sie lehrten Blindheit
                und Gehorsam,
                die Völker nahmen
                ihren Rat an –
       so blieb als letzter Wert das Geld.
    
Weil nur der Klüngel profitierte,
erstarb der Glaube an das Glück.
Als Volk um Volk sich echauffierte,
erblühte Zwietracht, Stück um Stück.
                Die Mächtigen
                erahnten Ärger,
                drum einten sie
                entzweite Bürger  -
       die schluckten das, mit viel Gebell.

Aus vielen Völkern wurde eines,
so stand es im Unionsvertrag.
Das schien das Ende allen Leides,
doch nahte schon ein schwarzer Tag.
                Die Sprache trennte
                neu Vereinte,
                bis jeder die
                Union verneinte –
       das bot dem Krieg ein weites Feld.   

Gewinner mit ergrauten Schläfen
erhofften sich vom Pathos Macht.
Sie lieferten den braven Schäfchen
ihr Waffenarsenal zur Schlacht.
                So metzelten sich
                Bürger nieder,
                Soldaten sangen
                böse Lieder –
       wie strahlte da die Zukunft hell?  
               

Samstag, 1. September 2012

Neue Soziale Marktwirtschaft

Solidarisch und gemeinsam
deuten wir Soziales um.
Reiche darben in Verzweiflung,
reichen ihre Hüte rum.

Sie gewähren Recht und Freiheit,
schauen dabei traurig drein,
drängen uns, sie satt zu speisen,
dann kehrt wieder Ruhe ein.

Schuldenhaftung gilt für alle,
dieses nennt sich Marktwirtschaft.
Nichts ist mehr riskant, wie früher,
selig bleibt, was Armut schafft.

Dennoch droht kein Aufbegehren,
denn wer hat, versteht das Spiel.
Geld darf sich kritiklos mehren,
niemand kriegt davon zu viel.

Heute ist der Adel klüger,
protegiert den Schwafelmund.
Wichtigtuer und Betrüger
reden sich die Zunge wund.

Dafür kriegen sie den Knochen,
der bei Tisch zu Boden fällt.
Gut gekrault heult jeder Köter,
wie es seinem Herrn gefällt.

Dämmert dann zuletzt die Einsicht,
wer beim Spiel Gewinner bleibt,
hat der Weise vom Verlierer
längst schon alles einverleibt.

Sonntag, 26. August 2012

Bernd, der Verlängerte

Bernd Friedemann feiert heut sein Jubiläum,
vor zweihundert Jahren gebar ihn das Glück.
Er lebte stets fleißig, er drehte die Welt um,
er nahm sich vom Kuchen ein üppiges Stück.

Mit achtzig erlebte er erste Gebrechen,
die Nieren versagten, verdarben sein Blut.
Da wollte sich grausam sein Lebensstil rächen,
doch Bernd war gewappnet und blieb auf der Hut.

Bald fand sich sein Name auf einer der Listen
für Spenderorgane, schon lachte der Tod.
Denn Bernd stand ganz unten, war einer der Letzten,
er bangte ums Dasein, in kläglichster Not.

Sein Geld schien ihm nutzlos, sein Streben vergeblich,
da bot ihm ein Händler ein Blutgeschäft an.
Bernd zahlte die Summe: das nervte! Doch ehrlich –
wer zahlen kann, zahlt, pirscht der Tod sich heran.

Nach nur zwanzig Jahren, da zwickte es wieder,
die Leber versagte, vergiftet vom Wein.
Doch Bernd war erfahren, bestellte sich Dieter,
der brachte Organe und setzte sie ein.

So kaufte Bernd Lebern und Nieren und Herzen,
zum Glück funktionierte sein kluges Gehirn.
In Krankenhausbetten ertrug er die Schmerzen
und bietet bis heute dem Tode die Stirn.

Mit russischen Lungen, algerischen Beinen,
mit Fingern aus Bangkok und Haut aus Triest
wird Bernd sich am Ende mit denen vereinen,
die gern für ihn starben – drum feiert ihn jetzt!

Die Welt ist gerecht, denn Bernds Geld fließt im Kreise,
je älter er wird, desto mehr zirkuliert‘s.
Verarmt er, so schwindet sein Leben ganz leise,
dann wird er dem Tode als Mahlzeit serviert. 

Organspende; Organhandel; Mafia; Spenderorgane

Montag, 13. August 2012

Zeit ist Geld

Zeit ist Geld!

Der Mann im dunklen Mantel
tritt am Morgen ins Büro. Seine
Hutkrempe sitzt tief. So tief,
dass Miss Sidewalk nicht
einmal seine Augen erkennen
kann. „Guten Morgen“, brummt
er, „meine Zeitung?“
„Die liegt schon im Büro.“
Mit gesenktem Blick verschließt
er die Tür. Er stellt seine
Aktentasche ab und entnimmt
daraus ein Laptop. Anschließend
wirft er Mantel und Hut über den
Kleiderständer. Er hat es eilig.

Zeit ist Geld!

„Merkel lehnt weitere Finanzhilfen
für Griechenland ab...“ Der
Bildschirm flackert - Mist!
Was bildet die Alte sich ein? Erst
Gestern hat er noch Gelder
in Staatsanleihen investiert. Wo
bleibt da der Gläubigerschutz?
Soll er seine Verluste etwa selbst
tragen? Das darf nicht wahr sein!
Hält sich denn niemand mehr
an Abmachungen? Gottverdammt-
Die wird noch staunen!
Er drückt den Knopf auf dem
Schreibtisch. „Kaffee!“ brüllt er.

Zeit ist Geld!

Wenig später umschmeichelt ein
angenehmer Duft seine Nase.
Miss Sidewalk stellt die Tasse
vor ihm ab. Aromatische
Dampfschwaden erfüllen den
Raum. „Eine Leitung zu M,
bitte! Und bringen Sie mir meine
Lesebrille. Es eilt.“ „Jawohl Sir“,
sagt Miss Sidewalk. Sie huscht
auf Zehenspitzen davon.
Der Macher blickt ihr hinterher.
Ihr Arsch wackelt - verführerisch.  
Er beobachtet, wie sich die Türklinke
geräuschlos schließt. Los geht’s! 

Zeit ist Geld!

Die Kontrollleuchte am Telefon
blinkt grün. Endlich. Er nimmt den
Hörer ab, wartet eine Sekunde
und spricht: „Hast du’s gelesen?“ -
„Natürlich.“ - Inzwischen kehrt
Miss Sidewalk mit der Lesebrille
zurück. Der Macher nimmt die Brille.
Dann beordert er die Miss mit einer
Handbewegung hinaus. Stille -
 „Was war?“, krächzt es aus der
Leitung. „Nichts von Bedeutung,
nur meine Sekretärin. Also was?“
„Wir haben uns besprochen.
Merkel wird sich wundern.“

Zeit ist Geld!

„Wir stufen sie also herab?“
„Erstmal wollen wir nur drohen.
Sie sind uns nützlicher, solange
sie zahlen. Du willst ja schließlich
nicht auf deinem Geld
sitzenbleiben.“ Der Macher tippt
mit seinen Fingern auf den
Schreibtisch. „Gut. Und wie soll
ich euch entgegenkommen?“
„Wir ändern nichts. Uns reicht
eine Beteiligung. Und wir 
brauchen dein Wissen.“
„Gut, ihr könnt euch wie immer
auf mich verlassen. Schlagt zu!“

Zeit ist Geld!

Der Macher grinst. In wenigen
Minuten werden die Märkte
rotieren. Die Märkte?
Wenn die wüssten. Er kappt eine
Zigarre, entzündet ein Streichholz.
„Miss Sidewalk!“, ruft er durch
die Sprechanlage. Geschäftig eilt
sie durch die Tür. Mit schlanker
Taille und rasierten Beinen
beugt sie sich über den Schreibtisch,
nimmt die leere Tasse.
Der Macher blickt ihr tief in den
Ausschnitt. „Frauen sollten tun, wozu
sie bestimmt sind“, denkt er, denn

Zeit ist Geld!